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5.000 Jahre alt – und im Mittelalter wieder genutzt: Was DNA im Dolmen von Menga verrät

Zwei Männer liegen am Eingang eines steinzeitlichen Megagrabs in Andalusien. Nicht aus der Steinzeit – sondern aus dem Mittelalter. Und genau dieser Bruch macht den Dolmen von Menga bei Antequera gerade so spannend: Ein Monument, das vor über 5.000 Jahren gebaut wurde, wird Jahrhunderte später erneut zum Ort für Bestattungen. Alte DNA zeigt nun, wie sehr das Mittelmeer damals schon ein Raum der Vermischung war – und wie wenig taugen einfache Schubladen.

Ein Megalith, der die Landschaft beherrscht – und offenbar auch die Fantasie

Der Dolmen von Menga ist kein romantischer Hinkelstein, sondern ein Bauwerk mit Ansage. Eine große Ganggrab-Anlage, rund 25 Meter lang und etwa 6 Meter breit, zusammengesetzt aus massiven Orthostaten und Deckplatten. Einzelne Steine sollen in einer Größenordnung von etwa 150 Tonnen liegen. Wer so etwas bewegt, braucht nicht nur Muskelkraft, sondern Organisation, Hierarchie, Planung – kurz: eine Gesellschaft, die Großprojekte kann.

Menga liegt bei Antequera, einer Gegend, die als UNESCO-Welterbe geschützt ist. Für deutsche Leser: Das ist nicht bloß ein „archäologischer Spot“, sondern ein ganzer Kulturlandschafts-Komplex, bei dem Naturformationen und Bauwerke zusammen gedacht werden. Und genau das ist der Punkt: Solche Orte verschwinden nicht einfach aus dem Gedächtnis. Sie bleiben Landmarken. Sie ziehen Geschichten an. Und manchmal auch Tote.

2005: Zwei mittelalterliche Gräber direkt am Eingang

Bei Ausgrabungen im Jahr 2005 stießen Archäologen im Eingangsbereich auf zwei Bestattungen erwachsener Männer. Radiokarbondaten ordnen den besser erhaltenen Mann ins 10. bis 11. Jahrhundert ein. Der zweite liegt zeitlich breiter: irgendwo zwischen 8. und 11. Jahrhundert.

Beide wurden in einfachen Gruben beigesetzt, ohne erwähnte Grabbeigaben. Auffällig ist die Ausrichtung: Die Körper lagen entlang der Achse des Dolmens. Die Köpfe zeigten nach Südwesten, die Gesichter nach Südosten. Das wurde als möglicher Versuch gelesen, die Toten in Richtung Mekka auszurichten – auch wenn es nicht sauber zu den klassischen islamischen Bestattungsregeln passt.

Wer daraus sofort „muslimisch“ macht, macht es sich zu leicht. Im mittelalterlichen Andalusien – al-Andalus – lebten über Jahrhunderte Muslime, Christen und Juden in wechselnden Machtverhältnissen, mit lokalen Mischformen im Alltag und in Ritualen. Und: Wer am Eingang eines uralten Megalithbaus bestattet, hat räumliche Zwänge. Der Dolmen gibt die Geometrie vor. Das Ritual passt sich an – nicht umgekehrt.

Alte DNA aus Andalusien: wenig Material, viel Aufwand

DNA aus alten Knochen ist heikel, in warmen Regionen erst recht. Der Fachartikel (veröffentlicht über ScienceDirect) beschreibt die Proben aus Menga als extrem DNA-arm und stark degradiert – typisch für die mediterrane Iberische Halbinsel, wo Hitze und Bodenchemie genetisches Material schneller zerstören.

Die Forscher griffen deshalb zu einer Methode, die in der Archäogenetik Standard geworden ist, wenn es eng wird: gezielte Anreicherung bestimmter Marker („SNP enrichment“). Damit gelang für einen der beiden Männer – in der Studie als „Menga1“ geführt – ein auswertbares Genomprofil. Beim zweiten reichte die Qualität nicht für dieselbe Auflösung.

Der Mann „Menga1“: europäische Linien, dazu Nordafrika und Levante

Das Ergebnis bei Menga1 ist der Kern der Geschichte: Sein genetisches Profil zeigt eine Mischung aus Abstammungsanteilen, die mit Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten verbunden sind – besonders mit der Levante, also dem östlichen Mittelmeerraum (heutiges Gebiet grob: Syrien, Libanon, Israel/Palästina, Jordanien).

Das heißt nicht: „Er kam aus Land X.“ DNA liefert keine mittelalterliche Meldebescheinigung. Sie zeigt Verwandtschaftsmuster und lange Linien von Vermischung – über Generationen, über Heiraten, Migration, Sklaverei, Handel, Militärdienste. Gerade im Mittelmeerraum ist das keine exotische Ausnahme, sondern historischer Normalzustand. Wer Andalusien im 10. Jahrhundert als abgeschottete Provinz denkt, hat die Geschichte nicht verstanden.

Warum ausgerechnet hier? Ein Ort, der Bedeutung behält

Bleibt die Frage, die Archäologie nie ganz „lösen“ kann, aber stellen muss: Warum bestattet man Menschen am Eingang eines steinzeitlichen Dolmens?

Weil solche Orte Macht ausstrahlen. Weil sie „alt“ sind, sichtbar, schwer zu übersehen. Weil sie seit Jahrtausenden mit Tod, Übergang und Erinnerung verbunden werden können – selbst wenn niemand mehr weiß, wer sie gebaut hat. Vielleicht war es Aneignung. Vielleicht ein lokaler Brauch. Vielleicht ein religiös gefärbtes Statement. Sicher ist nur: Das war keine zufällige Ecke im Gelände. Die Ausrichtung entlang der Dolmenachse wirkt wie eine bewusste Entscheidung, ein Dialog mit der Architektur. Der Gang als Passage – und davor die Toten. Das ist eine Inszenierung, ob geplant oder tradiert.

Welterbe heißt auch: dokumentieren, bevor Spuren verschwinden

Der Fall Menga erzählt noch eine zweite Geschichte: Denkmalschutz ist mehr als Steine konservieren. Wer Antequera als UNESCO-Landschaft schützt, schützt ein Geflecht aus Naturraum, Monumenten und späteren Nutzungen. Die mittelalterlichen Gräber sind dafür ein gutes Beispiel: Die älteste Schicht ist nicht automatisch die „wahre“ Geschichte eines Ortes.

Und dann ist da noch der nüchterne Blick nach vorn: Wenn DNA in mediterranen Böden heute schon schlecht erhalten ist, wird es mit steigenden Temperaturen und veränderten Umweltbedingungen nicht leichter. Forschung wird damit auch zu einer Art Rettungsarbeit: dokumentieren, datieren, analysieren – bevor biologische Archive weiter zerfallen.

Ein Dolmen, älter als jede schriftliche Überlieferung in der Region, liefert also immer noch neue Erkenntnisse. Zwei schlichte mittelalterliche Bestattungen reichen, um die große Erzählung vom vernetzten Mittelmeerraum greifbar zu machen. Und um zu zeigen, wie lange Orte nachwirken können – selbst dann, wenn ihre ursprüngliche Bedeutung längst verloren scheint.

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