BMW will in einer seiner wichtigsten Fabriken erstmals humanoide Roboter an die Linie stellen – nicht als Show, sondern für echte Arbeit. Im Werk Spartanburg in South Carolina, wo rund 11.000 Menschen BMW-SUVs bauen, startet ein Pilot mit dem US-Startup Figure. Die Botschaft ist klar: Bestimmte Tätigkeiten sollen künftig Maschinen erledigen – vor allem dort, wo es dreckig, gefährlich oder schlicht monoton wird.
Spartanburg als Testfeld – schrittweise Einführung über zwei Jahre
Der Versuch läuft ausgerechnet in Spartanburg, dem größten BMW-Werk weltweit und einem zentralen Exportstandort der Marke. Die Einführung soll über die nächsten zwei Jahre schrittweise erfolgen. Wie viele Humanoide am Ende tatsächlich durch die Hallen laufen, sagt BMW nicht. Das ist kein Detail am Rand, sondern der entscheidende Punkt: Ein einzelner Roboter ist PR. Eine Flotte ist Strukturwandel.
Offiziell lautet die Begründung: Die Roboter sollen „schwierige, langwierige oder gefährliche“ Aufgaben übernehmen. Das klingt nach Arbeitsschutz – und ist es auch. Gleichzeitig ist es natürlich Kostenpolitik. Wer in der Automobilproduktion Personal sucht, kennt die Realität: Schichtarbeit, hohe körperliche Belastung, Fachkräftemangel in Teilbereichen. Ein Roboter wird nicht krank, streikt nicht und braucht keine Pause – er braucht Strom und Wartung.
BMW und Figure: „Mehrzweckrobotik“ statt klassischer Industrieroboter
BMW Manufacturing-Chef Robert Engelhorn verkauft das Projekt als Zukunftssicherung der Produktion. Über PR Newswire wird er mit dem Satz zitiert, die Fahrzeugproduktion entwickle sich rasant, BMW wolle innovative Technologien integrieren, um die Zukunft abzusichern. Das ist die übliche Konzernsprache – aber diesmal steckt ein konkretes Experiment dahinter.
Figure-Gründer Brett Adcock setzt noch einen drauf: Der Roboter sei so gebaut, dass er sicher neben Menschen arbeiten könne. Und die Zusammenarbeit mit BMW sei ein „Validierungstest“. Adcock grenzt sein Produkt von der klassischen Industrierobotik ab – also den fest verschraubten Armen hinter Schutzgittern, die seit Jahrzehnten Karosserieteile schweißen. Figure setzt auf Humanoide, die flexibel dort einspringen sollen, wo heute Menschen laufen, greifen, tragen, sortieren.
Figure 01: 1,70 Meter, 60 Kilo – und fünf Stunden Akku
Der eingesetzte Humanoid heißt Figure 01. Laut den veröffentlichten Daten ist er 1,70 Meter groß, wiegt 60 Kilogramm und kann bis zu 20 Kilogramm heben. Die Akkulaufzeit liegt bei maximal fünf Stunden, die Geschwindigkeit bei 1,2 Metern pro Sekunde. Das ist nicht „Terminator“, das ist eher: zügiges Gehen im Werksgang.
Spannend ist weniger die Mechanik als die Steuerung. Figure wirbt damit, dass ein integriertes KI-System den Roboter befähigt, neue Aufgaben zu lernen – unter anderem über Anleitungsvideos. Der Vergleich mit ChatGPT fällt in der Kommunikation gern, weil er sofort ein Bild erzeugt: Sprache rein, Handlung raus. In der Fabrik entscheidet sich allerdings, ob das mehr ist als Marketing. Denn zwischen „Video schauen“ und „in einer Blechwerkstatt zuverlässig arbeiten“ liegen Öl, Staub, Toleranzen, Sicherheitsregeln – und der ganz normale Wahnsinn einer laufenden Produktion.
Wo BMW die Humanoiden sieht: Lager, Karosseriebau, Blechwerkstatt
BMW und Figure nennen als mögliche Einsatzfelder Lagerbereiche sowie Fertigungsabschnitte wie Karosseriebau und Blechwerkstatt. Das sind Zonen, in denen viel Material bewegt wird und Prozesse oft noch erstaunlich handwerklich sind – gerade bei Sonderfällen, Nacharbeit, Kommissionierung oder dem Handling von Teilen, die nicht perfekt „robotergerecht“ bereitliegen.
Genau dort könnte ein Humanoid theoretisch punkten: nicht, weil er stärker ist als ein Industrieroboter, sondern weil er sich in einer Umgebung bewegen kann, die für Menschen gebaut ist. Türen, Gänge, Regale, Kisten – alles auf menschliche Maße ausgelegt. Wer dafür eine Maschine baut, spart sich teure Umbauten. Das ist der eigentliche Charme der Idee.
Kaffee als PR – die harte Arbeit kommt erst noch
Figure machte zuletzt Schlagzeilen mit Bildern, auf denen der Humanoid Kaffee zubereitet. Laut Darstellung des Unternehmens habe Figure 01 dafür weniger als zehn Stunden Training gebraucht. Nett – und als Demonstration für Feinmotorik und Ablaufverständnis durchaus relevant.
Nur: Kaffee kochen ist kontrollierte Umgebung. In einer Fabrik zählt Wiederholgenauigkeit unter Stress. Greifen, ablegen, tragen, ausweichen, stoppen, wenn ein Mensch in den Arbeitsraum tritt – und das alles tausendfach pro Schicht. Dazu kommt die Frage, die in den Pressemitteilungen gern unter den Tisch fällt: Was passiert, wenn der Akku nach fünf Stunden leer ist? Wird gewechselt, geladen, pausiert? Und wie rechnet sich das gegen menschliche Arbeitszeit, wenn Wartung, Ausfallzeiten und Sicherheitsabnahmen mit eingepreist werden?
Was das für Beschäftigte bedeutet – und warum die Zahl der Roboter entscheidend ist
BMW betont, die Roboter seien für bestimmte Aufgaben gedacht. Das klingt beruhigend, ist aber nur die halbe Wahrheit. In der Praxis verschieben solche Systeme Arbeit: weniger körperliche Routine, mehr Überwachung, Instandhaltung, Prozessplanung. Für Beschäftigte kann das Aufstieg bedeuten – oder Verdrängung, wenn Qualifizierung ausbleibt.
Ob Spartanburg am Ende ein Symbol für „sicherere Arbeitsplätze“ oder für schleichenden Personalabbau wird, hängt an einer simplen Kennzahl, die BMW bisher nicht nennt: Wie viele Humanoide kommen wirklich? Ein Dutzend ist Experiment. Hunderte wären ein Signal an die gesamte Branche.



