Frankreich zieht die Schrauben an: Mit der Mission „French Tech 2030“ hat die Regierung 80 Start-ups ausgewählt, die künftig als Speerspitze einer „souveränen“ Industriepolitik dienen sollen. Dahinter steckt ein klares Ziel: weniger Abhängigkeit von US- und chinesischen Technologiekonzernen – und mehr Kontrolle über Schlüsseltechnologien, Daten und Lieferketten.
Das Programm ist Teil von „France 2030“, einem staatlichen Investitionspaket über 54 Milliarden Euro. Paris will damit nicht einfach ein paar Gründer fördern, sondern die französische Wirtschaft in Bereichen nach vorn schieben, die strategisch sind – und politisch heikel, sobald sie im Ausland liegen.
Warum Paris jetzt auf „Souveränität“ drängt
Der Begriff „technologische Souveränität“ klingt nach Sonntagsrede, ist aber in Frankreich längst harte Standortpolitik. Spätestens seit der Pandemie und den danach folgenden Lieferkettenproblemen ist in Paris die Erkenntnis gereift: Wer bei Chips, Cloud, Energie- oder Sicherheitstechnologien zu stark auf andere angewiesen ist, verliert im Zweifel Handlungsfreiheit.
Hinzu kommen die geopolitischen Spannungen der letzten Jahre. Frankreich liest daraus eine simple Lehre: Kritische Technologien sollen im eigenen Land entwickelt, produziert und kontrolliert werden – oder wenigstens in Europa. Das ist auch eine Kampfansage an die Dominanz aus dem Silicon Valley und an chinesische Industriepolitik, die mit massiven Staatsmitteln arbeitet.
Welche Start-ups profitieren – und was sie konkret bekommen
Die 80 ausgewählten Unternehmen sollen eine „bevorzugte Begleitung“ durch den Staat erhalten. Gemeint ist: schnellerer Zugang zu Programmen, Netzwerken, öffentlichen Auftraggebern und Förderinstrumenten – vor allem dort, wo junge Firmen oft scheitern: beim Sprung von der Idee zur industriellen Fertigung.
Frankreich setzt dabei auf ein Ökosystem, das in den vergangenen Jahren sichtbar erwachsen geworden ist. Das Land hat mehrere „Licornes“ – so nennen die Franzosen Einhörner, also Start-ups mit einer Bewertung von über 1 Milliarde US-Dollar – und zieht zunehmend internationales Kapital an. Paris verkauft das als Beleg: Die Szene ist nicht mehr nur kreativ, sie kann auch skalieren.
Der politische Kern: Frankreich will gegen USA und China bestehen
Hinter der Auswahl steckt eine langfristige Strategie: Frankreich will ein eigenes, belastbares Innovationsmilieu aufbauen, das mit den US- und chinesischen Systemen mithalten kann – ohne europäische Interessen über Bord zu werfen. Für deutsche Leser ist das vertraut: Es ist die französische Variante dessen, was in Berlin oft „strategische Autonomie“ heißt, nur meist entschlossener und zentralistischer organisiert.
Paris verweist dabei auch auf europäische Linien: Digitalprogramme der EU, Investitionen in Quantentechnologien, der Versuch, Cloud- und Dateninfrastruktur stärker in Europa zu verankern. Frankreich will in diesem Konzert nicht nur mitspielen, sondern den Takt angeben.
Die Schattenseite: Staatliche Auswahl ist nie neutral
So nachvollziehbar der Impuls ist – die Methode hat einen Haken: Wenn der Staat 80 Firmen zu „Auserwählten“ erklärt, entsteht automatisch ein Zwei-Klassen-System. Wer drin ist, bekommt Türen geöffnet. Wer draußen bleibt, muss sich weiter durch den Markt kämpfen – selbst wenn die Technologie besser ist.
Und noch etwas: „Souveränität“ klingt nach Unabhängigkeit, kostet aber Geld, Zeit und oft auch Effizienz. Eigene Produktionskapazitäten aufzubauen, Lieferketten umzubauen, Standards zu setzen – das ist mühsam. Frankreich setzt darauf, dass sich diese Mühe auszahlt, weil sie politische Risiken senkt: Kontrolle über sensible Daten, weniger Erpressbarkeit, mehr Verhandlungsmacht.
Genau darum geht es am Ende: nicht um Start-up-Romantik, sondern um Machtfragen im digitalen Zeitalter.


