Marvel hat den ersten Trailer zu „Spider-Man: Brand New Day“ veröffentlicht – Kinostart: 31. Juli. Die Geschichte spielt vier Jahre nach „No Way Home“ und knüpft genau dort an, wo es für Peter Parker am meisten weh tut: Niemand erinnert sich an ihn. Nicht MJ. Nicht Ned. Nicht die Menschen, für die er sein Leben riskiert hat. Der Film macht aus diesem Verlust keinen Nebensatz, sondern den Motor der Handlung.
Und dann kommt Marvels zweites Versprechen obendrauf: Multivers. Nicht als beiläufiger Effekt, sondern als große Klammer – als „Feier“ aller Peter-Parker-Versionen, die Comics, Kino und Popkultur in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht haben. Der Trailer verkauft damit eine Spannung, die man erst mal aushalten muss: ein Held, der radikal allein ist – und gleichzeitig ein Film, der nach maximaler Größe aussieht.
Vier Jahre später: Peter Parker ist weg – zumindest für alle anderen
Der Ausgangspunkt ist der Zauber aus „No Way Home“: Doctor Strange hat die Welt Peter Parker „aus dem Kopf“ gelöscht. Peter hat sich dafür entschieden, damit andere sicher sind. Der Trailer macht daraus keine Rätselbox, sondern zeigt die Konsequenzen: ein junger Mann ohne soziales Netz, ohne Alltag, der ihn auffängt. Keine Clique, keine Avengers-Nähe, kein „Team“. Nur ein Zimmer, anonyme Wege, ein ziviles Leben ohne Rückhalt.
Der Zeitsprung um vier Jahre ist dabei mehr als Kalenderkosmetik. Marvel will sichtbar machen: Das ist nicht mehr der Teenager, der zwischen Schule und Superheldenjob stolpert. Das ist jemand, der gelernt hat, mit einem Loch im Leben zu funktionieren. Der Trailer deutet an, dass Spider-Man für ihn weniger „Ereignis“ ist als Routine – fast wie eine selbst auferlegte Disziplin.
Das klassische Spider-Man-Thema wird dabei hart ausgespielt: Freiheit durch Einsamkeit – und Einsamkeit als Strafe. Ohne Bindungen kann Peter sich ganz auf Spider-Man konzentrieren. Gleichzeitig fehlt ihm genau das, was ihn menschlich hält. Der Trailer zitiert den alten Leitsatz („große Macht“/„große Verantwortung“) nicht als Fanservice, sondern als Erinnerung: Opfer ist hier kein Dekor, sondern Kern der Figur.
Für Tom Hollands Version ist das ein deutlicher Kurswechsel. Nach Filmen, in denen Peter stark über Mentoren, Erbschaften und Zugehörigkeit definiert war, wirkt „Brand New Day“ wie ein Rückbau: weniger Netzwerk, mehr Alleingang. Das kann gut sein – wenn Marvel den Mut hat, diese Einsamkeit nicht gleich wieder mit Gastauftritten und Querverweisen zuzuschütten.
Destin Daniel Cretton soll das Intime retten – trotz Multivers-Ansage
Regie führt Destin Daniel Cretton („Shang-Chi“). Der Trailer legt nahe, dass Marvel ihn nicht zufällig geholt hat: Cretton gilt als jemand, der Figuren nicht nur durch Explosionen schiebt, sondern ihnen Innenleben lässt – selbst im Blockbuster-Getöse.
Genau das ist die Aufgabe hier. Der Film soll gleichzeitig ein Peter-am-Boden-Drama erzählen und eine Multivers-Großbaustelle aufmachen. Der Trailer versucht, diese Kollision über Rhythmus zu lösen: Straßenszenen, Patrouillen, ein spürbar kleineres Leben – und dann Signale, dass etwas Größeres anrollt, fast Kosmisches.
Man merkt auch, dass Marvel nach Kritik an der eigenen Überfrachtung gegensteuern will. In den letzten Jahren wirkte das MCU oft wie Pflichtlektüre mit Bewegtbild. Der Trailer zu „Brand New Day“ verkauft weniger „Du musst alles kennen“, sondern eher: „Du musst nur verstehen, was Peter verloren hat.“ Das ist klug. Und längst überfällig.
Trotzdem bleibt ein Risiko: Je mehr der Film „alle Facetten“ von Spider-Man bedienen will – Straßenheld, tragische Figur, Pop-Ikone –, desto schneller wird daraus ein Sammelalbum. Crettons Job wird sein, eine emotionale Hauptlinie zu halten, statt nur Referenzen aneinanderzureihen.
Multivers als Fan-Geschenk – oder als Story-Killer
Der Trailer spricht es ziemlich offen aus: Das Multivers soll „alle Peter Parker“ würdigen. Für deutsche Zuschauer heißt das übersetzt: Marvel spielt mit der kompletten Spider-Man-Geschichte, die viele hier über drei Kino-Generationen kennen – Tobey Maguire, Andrew Garfield, Tom Holland – plus die Comic-Varianten, die längst zur eigenen Mythologie geworden sind.
Ökonomisch ist das ein Selbstläufer: Man holt mehrere Publika in einen Saal. Nostalgiker, MCU-Stammkundschaft, Comic-Fans. Nach dem Erfolg von „No Way Home“ liegt die Versuchung auf der Hand, wieder auf das große Wiedersehen zu setzen. Der Trailer behauptet allerdings: Diesmal geht es nicht nur um Casting-Tricks, sondern um Identität. Was bedeutet „Spider-Man“, wenn die zivile Person ausgelöscht ist?
Die Gefahr ist genauso klar: Multivers kann Story ersetzen. Dann wird aus Drama ein Referenz-Feuerwerk, das sich selbst applaudiert. Der Trailer versucht, sich dagegen abzusichern, indem er das Multivers als Spiegel für Peters Verlust verkauft: Andere Versionen existieren – und gerade dadurch wird sichtbar, wie radikal diese Version alles aufgegeben hat.
Wenn Marvel das ernst meint, muss jede Multivers-Idee Peters Bogen dienen. Sonst bleibt am Ende nur: „Schaut mal, wer auch noch da ist.“ Und das wäre für eine Figur, die gerade über Einsamkeit definiert wird, die denkbar billigste Lösung.
Start am 31. Juli: Marvel wettet gegen die eigene Multivers-Müdigkeit
Mit dem 31. Juli setzt Marvel einen Sommer-Blockbuster-Termin – und damit auf maximale Reichweite. Gleichzeitig ist das Multivers inzwischen auch ein Reizwort: Viele Zuschauer haben genug von Geschichten, die sich anfühlen wie ein Wiki mit Actionsequenzen. Der Trailer reagiert darauf mit einem einfachen Einstieg: Peter allein, klarer Schmerz, klare Motivation. Dafür braucht man kein MCU-Studium.
Interessant ist auch die Rückkehr zu New York als Ort, an dem Spider-Man wieder „klein“ wirken darf. Der Trailer deutet eine neue Form von Unsichtbarkeit an: nicht mehr der umstrittene Held, über den die Stadt redet, sondern ein Mensch ohne öffentliche Geschichte. Das kann Action wieder schärfer machen, weil Heldentum hier keine soziale Belohnung mehr hat.
Und trotzdem: Wenn der Film wirklich groß ins Multivers abbiegt, muss er erklären, warum ausgerechnet dieser isolierte Peter – ohne Team, ohne Rückhalt – plötzlich im Zentrum eines universenübergreifenden Konflikts steht. Der Trailer legt nahe, dass genau darin der Punkt liegt: Weil Peter nichts mehr hat, kann er alles riskieren. Verantwortung ohne Netz.
Marvel verkauft „Brand New Day“ als Mischung aus Bodenhaftung und Größenwahn. Das kann funktionieren. Es kann aber auch genau das werden, was viele inzwischen nervt: zu viel Welt, zu wenig Mensch. Der Trailer verspricht den Menschen. Jetzt muss der Film liefern.



