Paris hat auf der VivaTech wieder das Schaufenster aufgebaut, in dem Frankreich und Europa zeigen wollen, dass sie technologisch nicht nur zuschauen. Drei Themen haben die Messe dominiert: Künstliche Intelligenz, Robotik und die Frage, wie abhängig Europa von US- und chinesischer Infrastruktur eigentlich sein darf.
KI: Tempo ja – aber bitte nach europäischen Regeln
Künstliche Intelligenz war der Magnet der VivaTech 2023. Auf den Bühnen und an den Ständen ging es weniger um Spielereien als um handfeste Anwendungen: effizientere Prozesse in Unternehmen, neue Geschäftsmodelle, Automatisierung in klassischen Branchen.
Der europäische Reflex war dabei überall spürbar: Innovation soll schnell gehen, aber nicht um jeden Preis. Ethik, Verantwortung, Regulierung – das sind in Paris keine Randnotizen, sondern Teil der Erzählung. Hinter dem moralischen Anspruch steckt allerdings auch ein knallhartes Problem: Europa hat gute Ideen und fähige Teams, aber zu oft fehlt der lange Atem bei Kapital, Skalierung und Talentbindung. Start-ups können KI „made in Europe“ bauen – nur müssen sie auch groß werden dürfen, ohne auf halber Strecke von US-Konzernen aufgekauft zu werden.
Robotik: Weg von der Job-Angst, hin zur Industrie-Realität
Robotik wurde auf der VivaTech als strategischer Hebel verkauft – und das ist mehr als PR. In einer Zeit, in der Europas Industrie unter Kosten- und Konkurrenzdruck steht, sind Roboter für viele Unternehmen kein Luxus, sondern Überlebensstrategie: höhere Produktivität, stabilere Lieferketten, weniger Abhängigkeit von Billiglohn-Standorten.
Auffällig war der Ton: weniger Untergangsstimmung („Roboter nehmen uns die Arbeit weg“), mehr Industriepolitik („Roboter halten Produktion hier“). Das klingt gut – hat aber eine Kehrseite, über die auf Messen gern hinweggeredet wird: Robotik schafft vor allem dann Jobs, wenn Weiterbildung, Fachkräfte und Investitionen mitziehen. Sonst bleibt am Ende eine modernisierte Fabrik mit weniger Menschen drin. Wer Robotik als Jobmotor verkauft, muss erklären, wie die Qualifizierung bezahlt und organisiert wird.
Digitale Souveränität: Europas Abhängigkeit wird zur Sicherheitsfrage
Am politischsten wurde es beim Thema digitale Souveränität. Gemeint ist: Europa hängt bei Cloud, Plattformen, Chips, Software-Ökosystemen und Dateninfrastruktur zu stark an Dritten – meist US-Anbietern, zunehmend auch chinesischen. Auf der VivaTech war das keine abstrakte Debatte, sondern eine Frage von Sicherheit und Handlungsfähigkeit.
In Deutschland wird „Souveränität“ oft als Schlagwort abgetan. In Frankreich ist es Staatsräson – und genau deshalb drückt Paris hier aufs Tempo. Die EU versucht parallel, mit dem Digital Services Act (Regeln für Plattformen und Inhalte) und dem Digital Markets Act (Wettbewerbsregeln gegen Gatekeeper) die Macht der großen Digitalkonzerne einzuhegen. Auf der Messe war die Botschaft: Regulierung allein reicht nicht. Europa braucht eigene, wirtschaftlich tragfähige Alternativen – sonst bleibt man trotz schöner Gesetze abhängig.
Europas Tech-Ökosystem: viel Talent, zu wenig Durchschlagskraft
VivaTech zeigte beides: Energie und Lücken. Es gibt Start-ups und Scale-ups, die technologisch mithalten können. Gleichzeitig bleibt das europäische Problem stabil: zu wenig Wachstumskapital im Vergleich zu den USA, zu wenig kritische Masse bei Talenten, zu oft fragmentierte Märkte und Infrastruktur.
Die Messe hat die drei Hebel klar benannt: Finanzierung, Fachkräfte, Infrastruktur. Das klingt nüchtern – ist aber die eigentliche Machtfrage. Ohne diese Basis bleiben KI, Robotik und „Souveränität“ am Ende vor allem Bühnenprogramm.
Quellen
VivaTech (offizielle Website), Beiträge und Ankündigungen der Veranstalter sowie Berichte u. a. bei Boursorama und Yahoo Finance (französische Ausgaben).


