Ein Airbus A350 setzt zur Landung an, hängt schräg im Wind – und zieht dann wieder hoch. Vollschub, Nase nach oben, neuer Anflug. Für Laien sieht das nach Drama aus. Für Cockpits ist es eine saubere, trainierte Entscheidung: Wenn die Landung nicht stabil ist oder die Bahn nicht frei, wird nicht „irgendwie“ runtergedrückt. Man bricht ab.
In den vergangenen Tagen sind gleich mehrere Videos von A350-Durchstarts herumgereicht worden – aus dem deutschsprachigen Raum, aus Zürich, sogar aus den USA. Der gemeinsame Nenner: Die letzten Sekunden vor dem Aufsetzen sind gnadenlos. Wetter, Verkehr, Freigaben – alles muss passen. Tut es das nicht, gibt es genau eine vernünftige Reaktion.
Böen bis 65 km/h: Schräglage im Endanflug, dann Durchstarten
Der meistdiskutierte Clip zeigt einen Airbus A350 im Endanflug, sichtbar aus der Spur gedrückt. Laut dem Bericht „Airbus A350 gerät in Schräglage und muss durchstarten“ (Futurezone) waren Böen bis 65 km/h angesagt. Das Flugzeug kommt mit deutlicher Schräglage rein – und geht dann wieder hoch.
Das ist kein „Beinahe-Absturz“, sondern das typische Bild von Seitenwind: Der Flieger muss auf die Bahn zielen, während ihn die Luftmasse seitlich wegschiebt. Piloten korrigieren das mit Kurs und Querneigung, später oft mit einem „Kick“ über das Seitenruder kurz vor dem Aufsetzen. Nur: Wenn die Korrekturen zu groß werden oder die Maschine nicht mehr stabil auf dem Profil liegt, ist Schluss. Durchstarten.
Wichtig ist der Begriff stabiler Anflug. Airlines und Behörden definieren dafür harte Kriterien: Geschwindigkeit, Sinkrate, Konfiguration, Ausrichtung. Wer da drunter rutscht, hat keine Zeit für Heldentum. Ein Go-around ist dann kein Makel, sondern Sicherheitsstandard.
Zürich: Swiss-A350 startet durch – weil ein anderes Flugzeug die Bahn belegt
In Zürich war der Auslöser ein anderer. Der neue Airbus A350 von Swiss musste ebenfalls durchstarten – nicht wegen Wind, sondern weil ein anderes Flugzeug noch im Bereich der Piste war. Der Tages-Anzeiger berichtete darüber unter dem Titel „Flughafen Zürich: Swiss A350 musste wegen Pilatus PC-12 durchstarten“.
Das ist die zweite Realität hinter den viralen Videos: Durchstarts passieren nicht nur bei Regen und Böen, sondern auch bei Verkehr. Eine Maschine rollt zu spät ab, eine Freigabe wird geändert, Abstände müssen neu hergestellt werden – und plötzlich ist die Bahn eben nicht frei. Dann gilt eine simple Regel, die jeder Passagier im Zweifel lieber zweimal als gar nicht umgesetzt sieht: Wenn die Piste nicht verfügbar ist, wird nicht gelandet.
Gerade an großen Flughäfen läuft der Endanflug in einem eng getakteten System aus Lotsenanweisungen, Staffelungen und Standardverfahren. Das wirkt von außen „präzise“. Ist es auch. Aber Präzision heißt nicht Unfehlbarkeit – sondern, dass es für Abweichungen klare Auswege gibt. Der Durchstart ist einer davon.
Atlanta: Qatar-A350 bricht Landung bei starkem Seitenwind ab
Auch außerhalb Europas tauchen solche Szenen auf. Ein auf Instagram verbreitetes Video („A Qatar Airways Airbus A350 performs a go-around…“) zeigt einen A350 von Qatar Airways, der in Atlanta bei starkem Seitenwind den Anflug abbricht.
Der Knackpunkt: Seitenwind ist selten „konstant“. Gerade bodennah kann er drehen, zunehmen, abreißen. Piloten korrigieren permanent – aber es gibt Grenzen. Wenn das Flugzeug nicht mehr in der kontrollierten „Hülle“ bleibt, wenn die Achse nicht passt oder die Energie nicht stimmt, ist der sichere Weg der gleiche wie in Europa: hochziehen, neu sortieren, nochmal.
Was diese Clips oft unterschlagen: Man sieht die letzte Sekunde. Im Cockpit läuft davor eine ganze Kette aus Checks und Schwellenwerten. Der Durchstart kommt nicht aus dem Bauch heraus, sondern aus Verfahren.
Windschere: Wenn der Wind in Sekunden die Spielregeln ändert
Noch unangenehmer als „normaler“ Seitenwind ist Windschere (englisch wind shear): Der Wind ändert sich abrupt mit Höhe oder Strecke. Ein YouTube-Clip („When wind shear disrupted an A350’s landing“) greift genau so einen Fall auf, bei dem ein A350 wegen Windschere durchstartet.
Das Problem ist brutal simpel: In der Endphase kann eine plötzliche Änderung der Windkomponente die Energie des Flugzeugs verschieben. Mal sackt die Maschine weg, mal trägt sie länger als geplant. Beides ist im niedrigen Höhenband gefährlich, weil Zeit und Raum fehlen. Deshalb sind Crews darauf trainiert, Windschere zu erkennen – und im Zweifel sofort den Go-around zu fliegen.
Komfort ist dabei kein Argument. Ein Durchstart kostet Sprit, bringt Verspätung, nervt Passagiere. Aber er verhindert, dass man eine Landung „zu Ende diskutiert“, während die Physik längst entschieden hat.
Warum Flugzeuge gegen den Wind starten – und was das für Landungen bedeutet
In den sozialen Netzwerken wird im Umfeld solcher Videos gern Grundlagenwissen nachgeschoben, etwa in einem Reel („Wusstest du, dass Flugzeuge immer gegen den Wind…“): Flugzeuge starten und landen bevorzugt gegen den Wind, weil der Gegenwind die Strömung über den Flügel erhöht – mehr Auftrieb bei geringerer Geschwindigkeit über Grund.
Für die Landung heißt das: Gegenwind kann helfen, weil die Maschine bei gleicher Fluggeschwindigkeit langsamer über den Boden läuft. Seitenwind macht es komplizierter, weil die Korrekturarbeit steigt. Und wechselnder Wind ist der Klassiker für instabile Anflüge.
Wer jetzt überall „häufige Zwischenfälle“ wittert, liegt daneben. Dass man mehr Durchstarts sieht, hat auch mit der Verbreitung der Videos zu tun – und damit, dass ein A350 als großer Langstreckenjet sofort auffällt. Die eigentliche Nachricht ist nüchterner: Crews entscheiden sich im Zweifel für die konservative Variante. Und genau dafür werden sie bezahlt.
Quellen
Futurezone: „Airbus A350 gerät in Schräglage und muss durchstarten“ (futurezone.at)
Tages-Anzeiger: „Flughafen Zürich: Swiss A350 musste wegen Pilatus PC-12 durchstarten“ (tagesanzeiger.ch)
Instagram: „A Qatar Airways Airbus A350 performs a go-around…“ (instagram.com)
Instagram: „Wusstest du, dass Flugzeuge immer gegen den Wind…“ (instagram.com)
YouTube: „When wind shear disrupted an A350’s landing“ (youtube.com)


