Die britische Raumfahrtbehörde UK Space Agency hat einen Deal mit dem US-Unternehmen Vast verkündet: Ab 2027 könnte der Brite John McFall in den Orbit fliegen. Wenn das klappt, wäre McFall der erste Mensch mit einer körperlichen Behinderung, der im All lebt und arbeitet. Das ist ein starkes Signal – aber vor allem ist es ein Härtetest. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Sonntagsreden über Inklusion, sondern um Biomechanik, Haut, Schweiß, Reibung und Sicherheitsprozeduren in einer Umgebung, die für „Normkörper“ gebaut wurde.
Wer ist John McFall – und warum ist er für die Raumfahrt so interessant?
McFall ist 41, Chirurg im britischen NHS, früher paralympischer Sprinter. Mit 19 verlor er nach einem Motorradunfall sein rechtes Bein oberhalb des Knies. Er lebt mit Prothese – und genau diese Schnittstelle Mensch–Maschine macht ihn für die Raumfahrtmedizin so spannend.
Die ESA (Europäische Weltraumorganisation) nahm McFall 2022 in ihre Astronautenreserve auf. 2025 folgte der Schritt, der in der Öffentlichkeit kaum verstanden wird, aber alles entscheidet: McFall wurde medizinisch für eine Langzeitmission zertifiziert – als erster Mensch mit dieser Art von Amputation. Das ist kein PR-Stempel. Das heißt: Risikoanalysen, Notfallfähigkeit, Kompatibilität mit Bordtechnik, Belastbarkeit über Monate. Wer im All Probleme bekommt, kann nicht mal eben in die Notaufnahme.
Mikrogravitation: Wenn der Boden als „Partner“ wegfällt
Auf der Erde ist Schwerkraft der ständige Gegenspieler. Muskeln, Knochen, Gelenke – alles arbeitet gegen Last. Im Orbit verschwindet diese Last fast vollständig. Für jeden Astronauten ist das ein physiologischer Schock: Muskeln bauen ab, Knochen verlieren Dichte, Bewegungen müssen neu gelernt werden.
Für jemanden mit Oberschenkelamputation verschiebt sich das Problem. Eine Beinprothese ist am Boden dafür gebaut, Kräfte vom Körper in den Boden zu leiten – über den Stumpf und den Schaft. Im All trägt sie kaum „Gewicht“. Entscheidend werden andere Kräfte: Trägheit beim Abstoßen, Drehen, Abbremsen. Wer sich an einer Haltestange wegdrückt, bekommt die Gegenreaktion sofort zurück. Stabilität entsteht nicht durch Stand, sondern durch Technik.
McFalls Körper hat über Jahre Strategien automatisiert: gesundes Bein, Rumpf, Prothese – ein eingespieltes System. Im Orbit wird dieses System neu sortiert. Die Raumfahrtmedizin will dabei eine simple, bislang nie im Einsatz getestete Frage beantworten: Passt sich ein Körper, der auf der Erde mit Prothese „umgebaut“ wurde, im All leichter an – oder ganz anders?
Prothese, Schaft, Haut: Die unterschätzte Problemzone
Die Prothese ist kein Zubehör wie ein Werkzeugkasten. Sie sitzt auf der Haut, drückt, reibt, schert. Schon am Boden kann ein schlecht sitzender Schaft Training ruinieren – im All kann er eine Mission ruinieren. Denn dort sind Hygiene, Pflege und Materialverschleiß keine Nebensache, sondern Teil der Einsatzfähigkeit.
Hinzu kommt ein Effekt, den viele unterschätzen: In der Mikrogravitation verschiebt sich die Flüssigkeitsverteilung im Körper. Das kann Gewebevolumen verändern – und damit den Sitz des Schafts. Was am Morgen passt, kann am Abend drücken. Eine kleine Irritation, die man auf der Erde „aussitzt“, wird im Orbit schnell zum echten Problem, wenn sie Bewegungen einschränkt oder das Anlegen der Prothese zur Qual macht.
Und dann ist da die operative Frage: Trägt McFall die Prothese ständig? Nur bei bestimmten Arbeiten? Gar nicht? Jede Variante hat Folgen – für Orientierung im Raum, für Stabilisierung, für Hautbelastung, für Zeitaufwand.
Ein Raumschiff ist nicht barrierefrei – und das ist kein moralisches, sondern ein technisches Problem
Raumfahrt ist ein System aus tausend Details: Haltegriffe, Fußschlaufen, Sitze für Start und Landung, Raumanzüge, Trainingsroutinen, Evakuierungsabläufe. Diese Welt ist historisch auf standardisierte Körper ausgelegt. Eine Prothese zwingt Ingenieure, genau hinzusehen: Passt der Sitz beim Start? Greifen Notfallgurte richtig? Funktionieren Bewegungsabläufe in engen Modulen? Wie sieht es mit Wartungsarbeiten aus, bei denen man sich verkanten muss?
Auf dem Papier klingt „Anpassung“ nach ein paar Schrauben. In der Praxis ist es eine Kette von Mikro-Entscheidungen, die Sicherheit, Ermüdung und Arbeitszeit beeinflussen. Wer das als Imagekampagne verkauft, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.
Knochen, Muskeln, Propriozeption: McFall als „lebendes Experiment“
McFall bringt etwas mit, das in der Raumfahrt zählt: Körperdisziplin. Als ehemaliger Sprinter kennt er Training, Regeneration, Schmerzmanagement. Als Chirurg ist er Stress und Entscheidungen unter Druck gewohnt.
Physiologisch wird es besonders bei der Propriozeption – dem „Körpersinn“, der uns sagt, wo Arme und Beine sind, ohne hinzusehen. Eine Prothese hat keine biologischen Sensoren. Der Körper lernt Ersatzsignale: Druck im Schaft, Spannung im Rumpf, Kontaktpunkte. Im Orbit ändern sich diese Signale, weil Kräfte nicht mehr vom Boden kommen, sondern von Wänden, Griffen, Geräten. Das Gehirn muss neu kalibrieren. Wer im All kurz die Orientierung verliert, verliert Zeit – und im Zweifel Sicherheit.
Beobachtungen aus einer echten Mission könnten zeigen, welche Bewegungsstrategien McFall nutzt: mehr Arme, mehr Rumpf, andere Routinen. Das ist nicht nur interessant, sondern praktisch: Es trennt individuelle Anpassung von Konstruktionsfehlern – und liefert Daten, die es bisher schlicht nicht gibt.
2027 mit Vast: Warum der kommerzielle Weg die Sache beschleunigt – und riskanter macht
Der angekündigte Pfad führt nicht über ein klassisches staatliches Programm, sondern über eine Kooperation der UK Space Agency mit dem US-Anbieter Vast. Das steht für einen Trend: bemannte Raumfahrt wird zunehmend kommerziell organisiert. Das kann Tempo bringen. Es erhöht aber auch den Druck, Dinge „mission-ready“ zu erklären, bevor sie wirklich robust sind.
Die ESA-Auswahl 2022 und die medizinische Zertifizierung 2025 sind dabei die harten Fakten. Medien wie PBS News (unter Berufung auf Associated Press) haben McFalls Geschichte früh aufgegriffen: der Brite, der mit 19 amputiert wurde und nun Teil einer neuen Astronautengeneration ist. Der mögliche Flug ab 2027 wäre dann der Moment, in dem aus Auswahl und Zertifikat echte Praxis wird.
Wissenschaftlich wäre das sofort wertvoll: Daten darüber, wie Mikrogravitation, Amputation und Prothese zusammenwirken – über Wochen und Monate, nicht im Labor. Industriell wäre es ein Stresstest für die Behauptung, Raumfahrt könne „für alle“ gedacht werden. Das klappt nur, wenn Barrierefreiheit als Ingenieursaufgabe behandelt wird, nicht als hübscher Absatz im Pressetext.
Und ja: Am Ende zählt eine nüchterne Frage, die Physiologen besonders interessiert. Reichen die üblichen Gegenmaßnahmen im All – vor allem das harte tägliche Training – auch für einen Körper, dessen Mechanik über Jahre um eine Prothese herum neu organisiert wurde? McFalls Mission könnte darauf endlich eine Antwort liefern.
Quellen
The Conversation: „The extraordinary physiological challenges facing amputee John McFall in space“; Cité de l’espace; PBS News/Associated Press; handicap.fr; YouTube-Porträt.


