50 Kilometer südlich von Dubai steht ein Kraftwerk, das aussieht wie Science-Fiction, aber knallharte Industrie ist: der Mohammed bin Rashid Al Maktoum Solar Park. Die Emirate feiern ihn als größtes Solarthermie-Projekt (CSP) der Welt – inklusive des höchsten Solarturms. Kostenpunkt: 15,78 Milliarden Dirham, umgerechnet rund 4 Milliarden Euro.
Wer „Solar“ hört, denkt oft an Photovoltaik. Hier geht es um etwas anderes: Spiegel bündeln Sonnenlicht, erhitzen ein Medium, erzeugen Dampf – und treiben Turbinen an. Der Charme: Wärme lässt sich speichern. Strom kommt dann auch nach Sonnenuntergang. Genau damit wirbt Dubai.
Ein Kraftwerk wie eine Stadt: 950 Megawatt auf 44 Quadratkilometern
Die vierte Ausbaustufe des Parks bringt 950 Megawatt Leistung – auf einer Fläche von 44 Quadratkilometern. Das ist kein hübsches Vorzeige-Dach, das ist eine eigene Landschaft aus Technik.
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Verbaut ist ein Mix aus drei Technologien:
– 600 MW Parabolrinnen-Kollektoren (Solarthermie über lange Spiegelrinnen)
– 100 MW CSP-Turm (konzentrierte Solarenergie über einen zentralen Turm)
– 250 MW Photovoltaik-Module
Das Herzstück ist der Turm: über 263 Meter hoch. Rund 70.000 Heliostaten – nachgeführte Spiegel – richten sich auf den Receiver am Turm aus. DEWA spricht von der größten thermischen Speicherkapazität weltweit: 5,9 Gigawattstunden. Das ist der Teil, der das Projekt von reiner „Sonne-scheint-nur-am-Tag“-Logik abkoppeln soll.
Wer dahintersteht: DEWA, ACWA Power und ein Seidenstraßen-Fonds
Gebaut und betrieben wird die Anlage von Noor Energy 1, einem Konsortium mit klarer Machtverteilung: Die staatliche Dubai Electricity and Water Authority (DEWA) hält 51 %, ACWA Power aus Saudi-Arabien 25 %, der Silk Road Fund aus China 24 %. Das ist Energiepolitik als Joint Venture – regional und geopolitisch sauber austariert.
Die Emirate haben das Projekt auch politisch aufgeladen: Als Gastgeber der COP28 wollte man zeigen, dass Klimapolitik und Megabau zusammengehen. Für deutsche Leser: COP ist die UN-Klimakonferenz – und in Dubai war sie zugleich Bühne und Schaufenster.
Der Ausbau läuft weiter – und der Preis pro Megawattstunde ist eine Ansage
Dubai plant bereits weiter. Eine fünfte Phase soll 900 MW Photovoltaik ergänzen. Eine sechste Phase soll noch einmal 1,8 GW bringen. Den Zuschlag dafür bekam im August Masdar (ein großer Erneuerbaren-Player aus Abu Dhabi).
DEWA nennt als Angebot 16,24 US-Dollar pro MWh. Das ist extrem niedrig – und genau hier beginnt die Debatte, die in den Hochglanzbroschüren gern leiser gedreht wird: Solche Preise funktionieren oft nur mit sehr günstiger Finanzierung, staatlicher Rückendeckung, perfekten Standortbedingungen und einem Markt, in dem Netz- und Systemkosten nicht immer vollständig im Strompreis auftauchen.
Net Zero 2050: Dubai will 100 Prozent „saubere Kapazität“ – aber der Weg ist steinig
Der Solarpark ist Teil der Dubai Net Zero Carbon Emissions 2050 Strategy. Ziel: bis 2050 die gesamte Energiekapazität aus „sauberen Quellen“ bereitstellen. Laut DEWA liegt der Anteil sauberer Energie in Dubais installierter Kapazität derzeit bei 16,3 %. Mit Abschluss der sechsten Phase soll er bis 2026 auf 24 % steigen.
Das klingt nach Tempo. Trotzdem bleibt die entscheidende Frage im Hintergrund: Kapazität ist nicht gleich tatsächliche Strommenge über das Jahr. Und ein Energiesystem wird nicht nur mit Erzeugung gebaut, sondern mit Netzen, Reserven, Speicher- und Lastmanagement. Gerade in einer Region, in der Klimaanlagen im Sommer den Verbrauch nach oben treiben.
Wofür Solarthermie taugt – und wo sie an Grenzen stößt
Solarthermie (CSP) ist vor allem für große Kraftwerke interessant, die planbarer Strom liefern sollen. Der Speicher ist ihr Trumpf: Wärme kann in Tanks gehalten und später in Strom verwandelt werden. Das hilft beim Ausgleich zwischen Tag und Nacht.
Neben Strom kann die Technik auch Prozesswärme liefern – für Industrie, Gewerbe, theoretisch auch für Kälteerzeugung über Absorptionskälte. In der Praxis entscheidet am Ende aber der Preis: Photovoltaik ist vielerorts billiger, Batterien werden günstiger, und CSP muss sich rechtfertigen – über Speicher, Systemdienste und Verlässlichkeit.
Dubais Anlage ist damit weniger ein romantisches „Sonnenprojekt“ als ein Test, ob sich Solarthermie im großen Maßstab gegen die ökonomische Wucht von PV plus Speicher behaupten kann. Der Turm steht. Die Rechnungen kommen später.



