Vor der Küste Galiciens haben Biologen ein Tier erwischt, das aussieht, als hätte es jemand aus einem Sci‑Fi-Storyboard ins Wasser geworfen: ein Bandwurm-Verwandter, der seinen Körper in gleichmäßige Falten legt – wie ein Akkordeon. Der Name ist sperrig, Pararosa vigarae, der Effekt ist eindeutig. Und das eigentlich Erstaunliche: Das Ganze passiert nicht in irgendeinem unerforschten Abgrund, sondern in einem europäischen Küstengebiet, das Taucher und Forscher seit Jahren abklappern.
Bisher gibt es genau sechs Exemplare. Sechs. Das ist genug, um eine Art zu beschreiben – und in diesem Fall sogar eine neue Gattung. Für alles, was darüber hinausgeht, ist es eine dünne Decke: Wie häufig ist das Tier wirklich? Wo genau lebt es im Ästuar? Was frisst es, wie vermehrt es sich? Noch offen.
Gefunden in der Ría de Arousa – unter Steinen, unter Schalen, in 30 Metern Tiefe
Die Tiere stammen aus der Ría de Arousa, einem Meeresarm an der Nordwestküste Spaniens in Galicien. Wer mit französischen „Rías“ nichts anfangen kann: Das sind ertrunkene Flusstäler, eine Art fjordähnliche Einbuchtung – nur ohne Gletscherdrama, dafür mit viel Gezeitenmatsch, Muschelbänken und kleinteiligen Lebensräumen.
Entdeckt wurden die Würmer unter Felsen und leeren Schalen, also dort, wo man als Mensch selten hinschaut und wo sich Kleingetier vor Licht und Fressfeinden versteckt. Die Fundtiefe lag bei rund 30 Metern (im Original: 98 Fuß). Dass die Stichprobe so klein ist, ist in der Meeresbiologie kein Skandal, sondern Alltag: Wer versteckt lebt, wird selten eingesammelt – und taucht in Sammlungen oft nur als Zufallsfund auf.
Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack: Wenn so ein auffälliges Tier in einem gut untersuchten Küstenraum erst jetzt „offiziell“ wird, dann ist das weniger ein Wunder der Natur als ein Hinweis auf Lücken in unserer Bestandsaufnahme.
Ein Körper, der sich auf ein Fünftel zusammenschiebt – mit bis zu 60 Ringmarken
Im entspannten Zustand ist Pararosa vigarae dunkelbraun bis dunkelgrün, etwa 11 bis 25 Zentimeter lang und nur 3 bis 4 Millimeter breit. Schlank, unscheinbar – bis man ihn stört. Dann zieht sich das Tier zusammen, auf ein Viertel, teils sogar auf ein Fünftel seiner Länge.
Was dabei entsteht, ist keine vage „Kräuselung“, sondern ein regelrechter Stapel aus engen Falten. Beim größten bekannten Exemplar wurden entlang des Körpers rund 60 ringartige Markierungen gezählt. Und die verschwinden nicht einfach wieder: Selbst wenn sich der Wurm streckt, bleiben flache Rillen sichtbar – wie Druckspuren, die der Körper „merkt“.
Die populäre Erzählung bleibt gern beim Akkordeon-Bild hängen. Wissenschaftlich ist die spannendere Frage: Wozu das Ganze? Schutzreaktion gegen Räuber? Ein Trick, um sich in Spalten festzuklemmen? Oder schlicht eine Folge besonderer Muskelanatomie? Genau da fängt die Arbeit erst an.
Nemertinen: unscheinbare Jäger mit ausstülpbarer „Trompe“ – teils mit Gift
Bandwürmer sind es nicht, sondern Nemertinen (Stamm Nemertea): meist marine, weiche, langgestreckte Räuber. Ihr Werkzeug ist eine ausstülpbare Rüsselstruktur (Proboscis), mit der sie Beute packen. In der Berichterstattung wird dabei auch auf einen Punkt verwiesen, den etwa die Universität Alcalá betont: Bei manchen Arten kann dieser Rüssel Gift abgeben, das Beutetiere lähmt.
Das passt zur Grundlogik dieser Tiergruppe: Sie lebt gern im Verborgenen – unter Steinen, im Sediment, zwischen Schalen –, ist aber biologisch alles andere als harmlos. Kleine Jäger, technisch gut ausgerüstet.
Bekannt sind laut gängiger Zählung rund 1.300 Nemertinen-Arten. Viele Fachleute gehen davon aus, dass das nur ein Teil der tatsächlichen Vielfalt ist. Ein Grund: Von außen sehen sich viele Arten zum Verwechseln ähnlich. Wer nur nach „Form und Farbe“ sortiert, sortiert oft falsch.
Entscheidung per DNA: Mehrere Gene, Stammbaum-Analysen – und am Ende eine neue Gattung
Der Durchbruch kam deshalb über Genetik. Statt sich allein auf schwer zu vergleichende Details der inneren Anatomie zu verlassen, wurde DNA sequenziert und phylogenetisch ausgewertet – also in Stammbäumen geprüft, ob diese Tiere eine klar getrennte Linie bilden.
Die Forscherin Aida Verdes wird in den Quellen sinngemäß so zitiert: Um die neue Art zu beschreiben, habe man die DNA sequenziert und phylogenetische Analysen durchgeführt – damit ließ sich bestätigen, dass es sich um eine neue Gattung handelt. Das ist der eigentliche Paukenschlag: nicht nur „neue Art“, sondern taxonomisch eine Stufe höher.
Genutzt wurden mehrere Marker, darunter 16S rRNA, 18S rRNA, 28S rRNA, COI und Histon H3. Das ist kein Genetik-Fetisch, sondern Absicherung: Wer mehrere, unterschiedlich „schnell“ evolvierende Abschnitte kombiniert, reduziert das Risiko, sich von einem einzelnen Gen in die Irre führen zu lassen.
Warum das mehr ist als ein kurioses Tierfoto
Die Geschichte taugt als Klickmagnet: ein „Akkordeonwurm“ aus Europa, bitte staunen. Der nüchterne Kern ist unbequemer – und wichtiger. Küstenräume gelten als gut kartiert, weil sie erreichbar sind. Trotzdem rutschen Arten durch, wenn sie klein sind, versteckt leben und taxonomisch schwer zu fassen sind.
Das hat Folgen. Wer Arten nicht sauber unterscheiden kann, kann auch Veränderungen schlechter messen: Verschwindet eine Art? Wandert eine andere ein? Reagiert ein Ökosystem auf Erwärmung, Verschmutzung, Fischerei? Ohne Namen und klare Zuordnung bleibt Monitoring Stückwerk.
Und ja: Mit sechs Exemplaren ist die Datenlage mager. Die Beschreibung steht, die genetische Abgrenzung auch – aber über Lebensweise, Ernährung, Fortpflanzung und genaue Verbreitung weiß man bislang wenig. Der „Akkordeon“-Effekt hat die Aufmerksamkeit gebracht. Jetzt muss die Feldarbeit liefern.


